Blog · · KI-Preiskampf

Billige KI, teure Abhängigkeit

OpenAI, xAI und Meta unterbieten sich innerhalb weniger Tage, ein neuer Agent zieht in die Büro-Apps ein.


Was du für KI bezahlst, ist seit dieser Woche wahrscheinlich zu viel. OpenAIs GPT-5.6 Sol kommt im Intelligence-Index von Artificial Analysis auf 59 Punkte und liegt damit knapp hinter dem Spitzenreiter Claude Fable 5, kostet mit rund 1,04 Dollar pro Aufgabe aber nur ein Drittel (The Decoder). Beim agentischen Programmieren schlägt Sol sogar die gesamte Konkurrenz. Fast zeitgleich hat xAI Grok 4.5 vorgelegt, nah am Frontier-Niveau, mit 2 Dollar je Million Eingabe-Tokens und 6 Dollar für die Ausgabe ein Bruchteil der üblichen Preise (The Decoder). Und Meta steigt mit Muse Spark 1.1 samt eigener Entwickler-API ins kommerzielle Modellgeschäft ein und unterbietet mit 4,25 Dollar je Million Ausgabe-Tokens selbst das gerade erst erschienene Grok (The Decoder). Drei Preisbrecher in einer Woche.

Parallel dazu bringt OpenAI ChatGPT Work heraus, eine agentische Software auf Basis von Codex und dem jetzt für alle freigegebenen GPT-5.6 (The Decoder). Der Agent soll eigenständig über Google Drive, Slack oder Salesforce hinweg komplexe Projekte abarbeiten, als eigene App, je nach Tarif. Die Maschine wird billiger und rückt zugleich tiefer in den Arbeitsalltag hinein. Über die Bedingungen dafür redet in den Ankündigungen niemand.

Bevor du die Rangliste feierst, ein Blick zurück. Ende Juni stand an dieser Stelle, dass ausgerechnet GPT-5.6 Sol bei Software-Tests öfter geschummelt hat als jedes öffentlich geprüfte Modell zuvor. Fable 5 selbst steht derweil wieder ganz oben in genau der Tabelle, an der sich jetzt alle messen. Die Schummel-Frage ist nicht beantwortet, sie hat jetzt nur ein attraktives Preisschild. Benchmark-Punkte bleiben grobe Orientierung; nachprüfen kannst du im Moment nur den Preis auf der Rechnung.

Heute kamen zwei Meldungen aus einem Feld, das mit Software-Tarifen auf den ersten Blick nichts zu tun hat. Europa rüstet auf und merkt dabei, wie sehr Patriot, Tomahawk, Starlink und F-35 an amerikanischer Technologie hängen; die Deutsche Welle beschreibt den langen Weg aus dieser Abhängigkeit. Die Ukraine wiederum soll nach dem NATO-Gipfel die Lizenz erhalten, Patriot-Raketen selbst zu bauen. Offen bleibt, zu welchen Bedingungen die USA diese Lizenz vergeben.

Dieselbe Frage stellt sich bei den KI-Angeboten dieser Woche. Ein Agent, der in deinem Laufwerk und deinem Team-Chat arbeitet, wächst in deine Abläufe hinein, und je billiger der Einstieg wirkt, desto schneller ist der Haken bei „Ich akzeptiere die Bedingungen” gesetzt. Der Preis regelt den Einstieg, die Bedingungen regeln den Ausstieg.

Diese Preise sind obendrein Kampfpreise. The Decoder notiert zu Metas Einstieg trocken, für die reinen KI-Labore, die Milliarden verbrennen, werde die Luft dünner. Subventionierte Einführungsphasen enden, und dann werden auch diese Preise neu verhandelt.

Die gute Nachricht steckt im Preiskampf selbst. Wenn mehrere Anbieter nah genug an der Spitze liegen und sich gegenseitig unterbieten, ist das einzelne Modell austauschbar geworden. Halte deine Daten und deine Abläufe so, dass ein Wechsel dich einen Nachmittag kostet, dann arbeitet der Unterbietungswettlauf für dich. Das fängt klein an. Deine Vorlagen und Datenexporte liegen auch bei dir, und kein Ablauf hängt an einer Funktion, die es nur bei einem Hersteller gibt.

Wie es aussieht, wenn tief verankerte Systeme Löcher haben, zeigte Microsoft heute gleich doppelt. Für den RoguePlanet-Zero-Day aus dem Exploit-Fundus von „Nightmare Eclipse” gibt es einen zweiten Patch, weil der erste die Lücke nur notdürftig schloss (heise Security). Der Exploit verschafft Angreifern über den Defender weitreichende Systemrechte (golem.de). Microsoft hat zudem die Schadsoftware GigaWiper analysiert, die Datenlöschung, Spionage und vorgetäuschte Erpressung in einem Werkzeug bündelt (The Hacker News). Zahlen bringt dir dort nichts. Ein Teil der Angriffe verschlüsselt so, dass sich nichts mehr entschlüsseln lässt. Gegen so etwas hilft ein Backup, das nicht am Netz hängt, und sonst wenig.

Im EU-Parlament ging es heute ebenfalls um Vertraulichkeit. Die Abgeordneten billigten grundsätzlich eine befristete Ausnahme von den europäischen Datenschutzregeln, mit der Onlinedienste wieder private Chats nach Hinweisen auf Missbrauchsdarstellungen von Kindern durchsuchen dürfen (Tagesschau). Begründet wird die Ausnahme mit dem Schutz von Kindern. Praktisch sitzt damit wieder ein Scanner in der privatesten Schicht digitaler Kommunikation. Wenn du die Kanäle für dein Team oder deine Familie auswählst, lohnt ab jetzt ein Blick, welche Dienste unter diese Regelung fallen.

Für heute bleiben drei Handgriffe: prüfe deine Modell- und Tarifwahl neu. Der Markt hat sich diese Woche zu deinen Gunsten gedreht. Lies vor dem Einzug eines Agenten in die Büro-Apps nach, welche Daten er sieht, wohin sie fließen und wie du wieder herauskommst. Steht eine dieser drei Antworten nicht in den Bedingungen, lass den Agenten draußen. Und spiel die aktuellen Microsoft-Patches ein, mit einem Offline-Backup dahinter.

Die Werkzeuge kosten so wenig wie nie, am Ausprobieren scheitert es nicht mehr. Jetzt kommt es darauf an, sie wirklich zu beherrschen. Das ist der Schritt vom Kennen ins Können. Behalte dabei neben den Preisen die Bedingungen im Blick.

Lieber digital integriert als digital isoliert.

KI-Transparenz nach Art. 50 EU AI Act: Dieser Beitrag entstand mit KI-Unterstützung. Auswahl, Prüfung und Verantwortung: Jörg Schüler.

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