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Der Assistent geht, gefragt wirst du nicht

Google schaltet den Assistant ab, auf Android-Geräten vom Telefon bis zum Auto übernimmt Gemini. Zugleich zeigt Mistral, wie selbstbestimmte KI aussieht.


Am 4. September schaltet Google den Assistant ab. Auf Android-Telefonen, Tablets, Uhren und in Autos mit Android Auto übernimmt Gemini (The Decoder). Du musst dafür nichts tun. Entschieden hat das Google, nicht du. Gut möglich, dass viele Besitzer erst aus den Nachrichten davon erfahren.

Gegen Gemini selbst spricht wenig. Nur verhalten sich Sprachbefehle und eingespielte Abläufe nach so einem Wechsel oft anders als vorher. Wenn bei dir Android-Geräte laufen (Diktat unterwegs, Termineingaben per Sprache, ein Lautsprecher im Besprechungsraum), lohnt eine kurze Inventur vor dem Stichtag. Schreib auf, welche Geräte betroffen sind und welche drei Sprachbefehle dort wirklich genutzt werden. In der Woche nach dem 4. September testest Du genau diese Befehle einmal durch. Arbeitest Du im Team, benennt jemanden, der die Abweichungen einsammelt; arbeitest Du allein, notierst Du sie selbst. Das kostet eine halbe Stunde, und Du findest Bruchstellen, bevor sie mitten im (Arbeits-)Tag auffallen.

Wie es anders geht, zeigt Mistral. Das französische Unternehmen hat mit Shieldstral ein kleines Modell vorgestellt, das Ein- und Ausgaben von KI-Systemen auf Sicherheitsverstöße prüft und dafür einfache Ja/Nein-Fragen nutzt (The Decoder). So eine Prüfschicht sitzt zwischen den Menschen und dem KI-System und schaut sich an, was hineingeht und was herauskommt. Sie kann melden, wenn jemand versehentlich Kundendaten hineinkopiert, und sie kann eine Antwort zurückhalten, die so niemand verantworten will. Zu überlegen lohnt sich das, sobald mehr als eine Handvoll Menschen KI im Alltag nutzen oder sobald echte Kunden- und Personaldaten im Spiel sind. Vorher reicht eine klare Absprache, wer was hineingeben darf.

Drei Eigenschaften machen dieses Modell dafür interessant. Es hat drei Milliarden Parameter, das sind grob gesagt die Stellschrauben, in denen das Gelernte steckt, und erreicht in Benchmarks teils die Werte siebenmal größerer Modelle. Klein heißt für Dich, dafür reicht eigene Hardware. Die Prüfregeln formulierst Du in normalen Sätzen selbst, ein vorgegebenes Kategoriensystem brauchst Du dafür nicht. Und die Gewichte sind offen. Offene Gewichte heißt, die Datei mit allem Gelernten des Modells lässt sich herunterladen und betreiben wie ein Programm, das Dir gehört. Was auf Deinem eigenen Server läuft, kann Dir kein Anbieter per Ankündigung abschalten.

Ob die Leistungszahlen unabhängig geprüft wurden, geht aus der Meldung nicht hervor. Wie schon beim Benchmark-Rekord Ende Juli gilt auch hier wieder: frag beim Anbieter nach, mit welchen Tests und gegen welche Modelle gemessen wurde, und lass Dir die Antwort schriftlich geben. Fehlt sie, sind die Zahlen Werbung, und Du lässt Dir das System stattdessen an zwei eigenen Beispielfällen zeigen.

Während Du über eigene Hardware nachdenkst, wächst die Rechenmacht auf der anderen Seite in großen Sprüngen weiter. SpaceX will seine KI-Rechenleistung bis Ende 2027 mehr als verfünffachen, ausschließlich mit Nvidia; rechnerisch könnten dafür über eine Million neue Grafikprozessoren nötig werden (The Decoder). Nvidia selbst wirbt mit Investitionen in amerikanische Fertigung und Energienetze, „in America, for America“ (NVIDIA). Rechenleistung ist offen zur Standortpolitik geworden. Für Deinen Einkauf gehört die Frage nach dem Ort damit ins Pflichtenheft. Lass Dir bei jedem KI-Angebot zwei Punkte schriftlich beantworten. An welchem Ort und unter welchem Recht läuft Dein Modell, und in welchem Format bekommst Du Deine Daten samt Prompts wieder heraus, wenn der Anbieter Preise oder Bedingungen ändert. Prompts sind die Anweisungen und Vorlagen, die Ihr dem System beigebracht habt, sie sind oft mehr Arbeit wert als die Daten selbst.

Bleibt eine der beiden Antworten aus, ist auch das eine Antwort. Wichtiger als jede Rechnung ist ohnehin, den Lock-in-Effekt überhaupt zu kennen. Je tiefer Eure Daten, Vorlagen und Abläufe in einem einzelnen System stecken, desto teurer wird jede spätere Veränderung, und irgendwann bleibt man aus Kostengründen, nicht aus Überzeugung. Wer seine Daten von Anfang an modellunabhängig speichert, hält sich den Weg offen und macht ihn schneller und günstiger.

Was passiert, wenn niemand die Verantwortung für die eigene Infrastruktur nimmt, zeigt Ungarn. Ein Angreifer hat die Finanzverwaltung des Landes ins IT-Chaos gestürzt, den Zugriff verschaffte er sich wohl über eine Lücke in Oracle WebLogic, bekannt seit 2017 (golem.de). WebLogic ist eine Software, auf der Web-Anwendungen laufen. Diese Tür stand womöglich neun Jahre offen, bis jemand durchging. Das ist kein Versagen einer einzelnen Person. In vielen Organisationen hat schlicht niemand den ausgesprochenen Auftrag, solche Systeme aktuell zu halten, die Aufgabe hängt zwischen IT-Dienstleister und Tagesgeschäft.

Der Handgriff dazu ist unspektakulär und wirkt. Lass Dir die Liste aller von außen erreichbaren Systeme geben, im Fachwort ein Pentest oder ein Audit; gibt es die Liste nicht, ist das Erstellen der erste Auftrag. Machst Du das selbst, gilt dasselbe, nur ohne Auftrag. Dann steht an jedem Eintrag ein Name und ein fester Rhythmus fürs Aktualisieren, und wer den Namen trägt, bekommt Rückendeckung und Zeit dafür. Ein zweites Stichwort gehört auf denselben Zettel, die Lücke OVSwrap im Linux-Kernel, dem Kern des Betriebssystems. Über sie können normale angemeldete Nutzer auf vielen standardkonfigurierten Linux-Systemen Root-Rechte erlangen, also die volle Kontrolle über das System, und ein fertiger Angriffscode kursiert bereits (The Hacker News). Gib das Stichwort an Deine Admins oder Deinen Dienstleister weiter, gemeint ist ein Kernel-Update.

Deine Profis haben das mit hoher Wahrscheinlichkeit längst auf dem Schirm. Darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass Ihr über dieselbe Sache mit denselben Worten sprecht. Genau diese Brücke schließt die Kommunikationslücke zwischen denen, die entscheiden, und denen, die es bauen, und sie gehört zum Weg in die digitale Souveränität.

Die Gegenseite hat ein Gesicht bekommen. Der Entwickler der Ransomware Ransom Cartel wurde für seine Rolle bei Angriffen auf mindestens 18 Unternehmen zu 16 Jahren Haft verurteilt (Bleeping Computer). Zwischen Tat und Urteil vergehen oftmals Jahre, in denen der Schaden längst bezahlt ist. Dein Schutz entsteht vorher, in der Liste mit den Namen und dem anschließenden Handeln. Aus Haltung folgt Verhalten.

Der 4. September steht schon im Kalender, nutze die Woche danach doppelt. Einmal für den Test Deiner Sprachroutinen, einmal für eine Stunde Inventur mit zwei Spalten. Was kann bei Dir per Anbieter-Beschluss verschwinden oder sich ändern, und was wäre daneben Dein zweiter Weg. Diese Liste ist kein Vorbereitungsschritt zum Wechsel. Sie macht Dich zu einem Gegenüber, das weiß, worüber es spricht, und darauf lassen sich die Beziehungen bauen, die über Jahre halten.

Lieber digital integriert als digital isoliert.

KI-Transparenz nach Art. 50 EU AI Act: Dieser Beitrag entstand mit KI-Unterstützung. Auswahl, Prüfung und Verantwortung: Jörg Schüler.

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