News
Blog · · Art. 50 KI-Verordnung Kennzeichnung
Oben wird gestritten, unten wird entschieden
Der Chef eines der größten KI-Labore sagt selbst, dass KI Macht zusammenzieht, und erntet dafür heftigen Widerspruch. Diesen Streit entscheidest Du nicht.
Auf X streiten gerade Leute über Macht, die selbst welche haben. Anthropic-Chef Dario Amodei hält künstliche Intelligenz für strukturell zentralisierend, also für eine Technik, die Macht bei wenigen zusammenzieht. Investor Gavin Baker, Meta-Forscher Yann LeCun und der frühere Regierungsberater David Sacks werfen ihm vor, mit dieser Angst Regeln durchzusetzen, die vor allem seinem eigenen Unternehmen nützen (The Decoder).
Amodei hält dagegen, seine Vorschläge bremsten gerade die großen Labore, und offene Modelle seien keine Lösung, weil sie die Marktmacht nur zu denen verschöben, die die meiste Rechenleistung haben.
Am selben Tag meldet dasselbe Unternehmen, dass es seinen Umsatz versiebenfacht hat, hochgerechnet auf mehr als 65 Milliarden Dollar im Jahr (The Decoder). Und der Kognitionsforscher Gary Marcus widerspricht öffentlich der Ankündigung desselben Amodei, KI werde Krebs und die meisten menschlichen Krankheiten in fünf bis zehn Jahren heilen (Gary Marcus). Warnung vor der Machtkonzentration, Rekordumsatz und Heilsversprechen, alles aus einer Richtung, alles an einem Tag.
Es hieß lange, Geld sei Macht. Inzwischen sind es die Daten und die Rechenzentren, in denen sie liegen. Wer diesen Streit verfolgt, merkt schnell, dass er über die eigenen Möglichkeiten geführt wird, aber nicht mit einem selbst.
Am Samstag ging es hier um die Frage, wer eigentlich noch prüft, als OpenAI sein Team für die Bewertung katastrophaler Risiken auflöste. Die Meldung ist heute noch einmal durch die Fachpresse gelaufen (t3n), und sie passt in dasselbe Bild. Die Anbieter verhandeln untereinander, wer wen kontrolliert. Deine Aufsicht bauen sie dabei nicht.
Deshalb lohnt der Blick nach unten, auf die Ebene, auf der Du tatsächlich etwas entscheidest. Dort ist seit diesem Sommer einiges konkret geworden, unabhängig davon, wie der Streit oben ausgeht. Die KI-Verordnung kennt zwei Rollen, und die Unterscheidung entscheidet, was Du tun musst. Anbieter ist, wer ein KI-System entwickelt und unter eigenem Namen auf den Markt bringt. Betreiber ist, wer ein KI-System in eigener Verantwortung beruflich einsetzt (Dr. Datenschutz). Das zweite bist in aller Regel Du.
Artikel 50 verlangt von Betreibern, die mit KI sogenannte Deepfakes erzeugen, diese zu kennzeichnen. Bei dem Wort denken die meisten an gefälschte Politikerreden, und das ist der Grund, warum die Pflicht so oft übersehen wird. Die Verordnung meint jeden KI-erzeugten Bild-, Ton- oder Videoinhalt, der existierenden Personen, Objekten oder Orten ähnelt und echt wirken könnte. Die Guidelines der EU-Kommission nennen als Beispiele ausdrücklich das KI-generierte Produktbild in der Werbung, das ein Produkt attraktiver zeigt als es ist, und den synthetischen Avatar einer Geschäftsführung, der die Belegschaft für das vergangene Jahr lobt.
Beides wird gerade in vielen Häusern gebaut, oft in der Marketingabteilung, oft ohne dass jemand die Rechtsfrage gestellt hat.
Es gibt Grenzen: Rein erfundene Fantasiewesen fallen heraus, für erkennbar künstlerische oder satirische Werke gelten gelockerte Pflichten. Der Maßstab ist auch nicht der Fotorealismus allein, sondern der Zusammenhang, in dem jemand das Bild zu sehen bekommt.
Der Handgriff dieser Woche dauert zehn Minuten. Nimm Eure letzten fünf veröffentlichten Bilder, Videos oder Tonaufnahmen, im Marketing wie in der internen Kommunikation. Frag bei jedem zwei Dinge: War KI beteiligt, und könnte ein Betrachter es für eine echte Aufnahme halten?
Wo Du zweimal ja sagst, fehlt vermutlich eine Kennzeichnung. Für den Anfang beginnt das mit einem Satz am Bild oder in der Beschreibung, der sagt, dass es mit KI erstellt wurde. Wenn Du selbst nichts veröffentlichst, ist die Frage genauso kurz, nur an andere gerichtet: Wer bei uns erzeugt Bilder mit KI, und weiß die Person, dass daran eine Pflicht hängt? Unter jedem Beitrag hier steht eine solche Kennzeichnung, auch unter diesem.
Vorige Woche stand hier eine Defender-Lücke ohne Update. Microsoft arbeitet inzwischen an einem Patch (Bleeping Computer). Der Haken steckt im Detail.
ShieldBreak umgeht die Absicherung einer Schwachstelle aus dem Juni, die Microsoft damals bereits geschlossen hatte. Der öffentlich gezeigte Beispielcode verschafft jemandem, der bereits eingeschränkten Zugang zu einem Rechner hat, die höchsten Rechte darauf, und zwar auf vollständig aktualisierten Windows-Systemen. Ein eingespielter Patch ist also nicht immer ein geschlossenes Loch, und das ist keine Nachlässigkeit Deiner IT, sondern ein Grund, warum sie auf Nachfragen manchmal ausweichend antwortet.
Was Ebenen bedeuten, zeigt Berlin an diesem Montag. Auf das Landesnetz gab es einen Hackerangriff, zwei Senatsverwaltungen wurden vorsorglich vom Netz getrennt, sensible Daten sind abgeflossen, ein Krisenstab arbeitet (Tagesschau). Anforderungen und Risiken kommen selten von einer Seite. Sie kommen aus Europa, wie bei Artikel 50, aus dem Bund, aus dem Land, in dem Du sitzt, und aus Deiner eigenen Organisation. Wer nur auf eine Ebene schaut, übersieht in der Regel die, die ihn zuerst erwischt.
Für Deine eigene IT heißt das nichts Bloßstellendes. Deine Fachleute haben ShieldBreak sehr wahrscheinlich längst auf dem Schirm. Trotzdem lohnt die Frage, weil sie eine Brücke baut, wo sonst zwei Welten nebeneinander arbeiten: Gibt es bei uns einen Weg, wie eine Lücke ohne Update behandelt wird, solange keins da ist? Wer diese Frage stellt, ohne sie als Vorwurf zu meinen, bekommt meistens eine überraschend offene Antwort.
Zwischen all dem steht eine Meldung, die zeigt, dass es auch anders geht. Google-Forscher wollen mit KI Flugrouten so planen, dass weniger Kondensstreifen entstehen, weil die für einen erheblichen Teil der Klimawirkung des Fliegens verantwortlich sind (t3n). Kein Heilsversprechen, ein abgegrenztes Problem. Genau daran lassen sich die großen Ankündigungen messen.
Der Streit über die Macht wird weitergehen, mit oder ohne Dich. Die Kennzeichnung Deiner Bilder, der Umgang mit einer Lücke ohne Patch und die Frage, wer bei Euch zuständig ist, warten nicht auf sein Ergebnis. Das ist die kleinere Bühne, aber es ist Deine.
Lieber digital integriert als digital isoliert.
KI-Transparenz nach Art. 50 EU AI Act: Dieser Beitrag entstand mit KI-Unterstützung. Auswahl, Prüfung und Verantwortung: Jörg Schüler.