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Blog · · KI-Kompetenz und Jobangst
Wer es versteht, schläft schlechter
Eine Studie der TU Darmstadt dreht eine bequeme Annahme um. Wer viel über KI weiß, sorgt sich häufiger um seinen Arbeitsplatz, nicht seltener.
Es gibt eine Annahme, die sich gut anfühlt. Wer KI versteht, fürchtet sie weniger. Aufklärung nimmt die Angst. Der KI-Monitor 2026 der TU Darmstadt sagt das Gegenteil. Gemeinsam mit YouGov wurden über 2.000 Menschen in Deutschland befragt, und rund 43 Prozent derjenigen mit sehr gutem KI-Know-how rechnen damit, dass KI demnächst ihre Arbeit übernehmen könnte. Wer wenig weiß, sorgt sich weniger.
Daraus könnte man schließen, dass Weiterbildung nichts bringt. Ich halte das für den falschen Schluss. Wer nichts weiß, hat nichts zu befürchten, jedenfalls gefühlt. Wer anfängt zu verstehen, sieht zum ersten Mal, wo die Kante verläuft. Diese Stufe fühlt sich schlechter an als die davor und ist trotzdem die bessere. Über die Treppe dahinter habe ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben, hier zählt nur ihre zweite Stufe.
Die zweite Zahl aus derselben Studie macht daraus erst ein Problem. Nur 15 Prozent der Befragten haben bisher an einer KI-Weiterbildung teilgenommen. Die beiden Zahlen messen nicht dieselbe Gruppe, die 43 Prozent beziehen sich auf die Kundigen, die 15 Prozent auf alle. Nebeneinandergelegt zeigen sie trotzdem etwas. Das Bewusstsein wächst schneller als das Üben. Unruhig macht nicht, was auf einen zukommt. Unruhig macht, dass man nichts dagegen tut.
Auf der großen Ebene gibt es darauf heute eine Antwort. Hessen nimmt Kürzungspläne zurück, stellt 680 Stellen bereit und führt KI und Digitale Welt schrittweise als Pflichtfach ein. Das ist eine große Sache und ein langsamer Hebel. Die Kinder, die davon etwas haben, kommen in zehn Jahren in die Betriebe. Der Kollegin, die morgen einen Bericht mit einem Chatbot schreibt, hilft es heute nicht.
Zwischen der Schule und dem Schreibtisch liegt der Teil, für den sich niemand von Amts wegen zuständig fühlt. Dabei kommen die Anforderungen von überall gleichzeitig. Aus Europa, wo die Kommission heute ChatGPT als sehr große Online-Suchmaschine sowie Reddit und Roblox als sehr große Online-Plattformen eingestuft hat. Aus den Gerichten, wo das Verwaltungsgericht Berlin entschieden hat, dass ein getrennt lebender Elternteil das Auskunftsrecht seines Kindes nach der DSGVO nicht im Alleingang ausüben kann. Aus dem eigenen Bundesland, siehe Hessen. Und am Ende aus der eigenen Organisation, die für sich selbst festlegt, was gilt. Die wenigsten stehen unter einer dieser Ebenen, die meisten unter allen vieren.
Dann der Teil des Tages, an dem es schon passiert ist. Anthropic hat Nutzerinnen und Nutzer aus Claude ausgeloggt, weil ihre Zugangsdaten über Schadsoftware abgegriffen wurden. Diese Leute haben nichts falsch gemacht, ihnen wurde etwas gestohlen. Wird nach so einer Meldung zuerst nach dem Schuldigen gefragt, meldet beim nächsten Mal niemand mehr etwas, und das ist der teurere Schaden. Anthropic hat hier ausgeloggt und gewarnt, statt zu belehren.
Dazu zwei Baustellen, die gerade aktiv ausgenutzt werden. In Langflow und in Ruby on Rails nutzen Angreifer kritische Lücken aus, eine davon erlaubt das Ausführen von fremdem Code. Und in cPanel/WHM, der Verwaltungssoftware vieler Webhoster, wurde eine Root-Sicherheitslücke geschlossen. Wenn Du kein IT-Profi bist, ist Deine Handlung hier nicht, diese Lücken zu bewerten. Deine Fachleute haben sie sehr wahrscheinlich schon auf dem Schirm. Deine Frage ist, ob es bei Euch überhaupt einen Weg gibt, auf dem so eine Meldung von der IT zu den Leuten kommt, die die betroffene Software täglich benutzen. Arbeitest Du allein, lautet dieselbe Frage, ob Du weißt, wer Dich benachrichtigt, wenn Dein Hoster ein Problem hat.
Dass Maschinen bei so etwas helfen, ist keine Zukunftsmusik. Red Hat beschreibt am eigenen Projekt Hummingbird, wie KI-Agenten Container-Sicherheit automatisieren, und schreibt im selben Text, wo Menschen unverzichtbar bleiben. Diese zweite Hälfte hätte ich in mancher Produktankündigung auch gern gelesen.
Ein Beispiel dafür liefert Meta. Die KI-Brille wird gern als Werkzeug für Barrierefreiheit beworben. Eine Vertreterin des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands sagt dazu bei netzpolitik.org, Meta habe kein Blinden-Hilfsmittel entwickelt, und hält im selben Gespräch fest, dass die Brille Selbstständigkeit und Teilhabe deutlich erhöhen kann. Beides steht nebeneinander, und das ist der ehrliche Stand. Parallel steht dieselbe Brille wegen des Datenschutzes in der Kritik. Ein Versprechen von Befähigung prüft man daran, ob die Menschen es unterschreiben, für die es gemacht sein soll.
Urteilen muss man inzwischen auch über die Berichte selbst. Gary Marcus hält eine populäre Darstellung eines Vorfalls zwischen OpenAI und Hugging Face für irreführend. Ob er damit recht hat, kann ich von hier aus nicht entscheiden, und ich behaupte es auch nicht. Es zeigt nur, dass die Quellenlage selbst zum Arbeitsgegenstand geworden ist. In Spanien wirft die Regierung Russland und Israel vor, die Lage um Ceuta mit Desinformation befeuert zu haben. Einzelheiten legte Sánchez zunächst nicht vor. Bis die vorliegen, ist das ein Vorwurf und kein Befund.
Wohin die Reise geht, zeigen zwei Meldungen aus der Industrie. Anthropic soll sich laut Medienberichten für 35 Milliarden Dollar zusätzliche Rechenleistung sichern, bestätigt ist das nicht. Und The Information berichtet, dass OpenAI zehntausende Mac minis und Mac Studios gekauft hat, um Agenten zu trainieren, die einen Computer bedienen. Anthropic nutzt Apple-Hardware demnach als Mietkapazität bei AWS. Investiert wird in Systeme, die selbst am Rechner arbeiten. In den USA hat das Repräsentantenhaus derweil einen Gesetzentwurf zum Schutz von Cloud-Nutzern vor heimlichen Behördenzugriffen angenommen, den NDO Fairness Act. Der Senat muss noch zustimmen, in Kraft ist er nicht.
Bleibt die Frage, was Du damit anfängst. Drei Dinge, und die ersten beiden kosten nichts.
Zum Nachdenken: Wann hast Du zuletzt etwas mit KI geübt, statt darüber zu lesen? Wenn Dir kein Zeitpunkt einfällt, hast Du Deine Antwort.
Zum Beobachten: Achte diese Woche darauf, an welcher Stelle jemand sagt, das mache jetzt die KI. Und ob danach noch jemand hinschaut. Mir begegnet dieser Satz meistens beiläufig, zwischen zwei Tagesordnungspunkten.
Zum Ausprobieren: Nimm eine Aufgabe, die Du wirklich gut kennst, und erledige sie zwei Wochen lang mit einem Werkzeug, das Du bisher nur kennst. Nicht die schwerste, sondern eine, bei der Du sofort merkst, wenn das Ergebnis falsch ist. Genau dieses Merken ist der Unterschied zwischen Kennen und Können. Arbeitest Du im Team, sucht Ihr die Aufgabe gemeinsam aus und einer schreibt auf, was auffällt. Arbeitest Du allein, machst Du beides selbst. Und falls dafür erst eine Freigabe oder eine Lizenz nötig ist, gehört das Einholen schon zur Übung.
Ein letzter Hinweis in eigener Sache. Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Wer viel über KI weiß, äußert häufiger die Erwartung, dass sie seine Arbeit übernimmt. Warum das so ist, steht dort nicht, und die Erklärung oben ist meine, nicht die der Forscher. Wenn Du aus diesem Tag trotzdem eine Zahl mitnimmst, dann die 15 Prozent. An der 43 kannst Du nur Deine Erwartung ändern, an der 15 Deinen nächsten Termin.
Lieber digital integriert als digital isoliert.
KI-Transparenz nach Art. 50 EU AI Act: Dieser Beitrag entstand mit KI-Unterstützung. Auswahl, Prüfung und Verantwortung: Jörg Schüler.