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Blog · · Digitalkompetenz
Es geht nicht um KI
Seit Jahrzehnten treibt uns dieselbe Mechanik durch jede neue Technologie, und am Ende steht oftmals ein Haken hinter etwas, das nicht verstanden wurde.
KI, KI, KI. Und alle genervt.
Doch fangen wir etwas früher an, bei der Kommunikation. Aber nicht bei Geschichten erzählen, Rauchzeichen, Post, Telegrafie, Telefon, Fernsehen, Fax oder Internet, sondern bei der Digitalisierung. Bei der wuchs über die Jahrzehnte die Neugier, und wie so oft wuchs die Verunsicherung gleich mit.
Ich erinnere mich noch an das grüne, kabelgebundene Wählscheibentelefon meiner Kindheit, das Eigentum der Post war, und später an das Faxgerät. An Geburtstagen standen wir um das Telefon herum, einer musste irgendjemanden anrufen und eine Geschichte erzählen, nichts Schlimmes, aber eben auch nicht die Wahrheit. Die Person am anderen Ende veräppeln, während alle drumherum kicherten. Unsere „Deep-Fakes”, analog. Dann kamen die ersten x86er mit CGA-Grafikkarte, C64, Amiga, ein paar mit einem Mac. 56 kbit/s, und wer schnell sein wollte, hatte ISDN mit 64. Die ersten Handys von Ericsson, Nokia, Motorola, das türkise E-Plus-Gerät mit Snake und später WAP. Der Nokia Communicator. Die Coolen hatten einen BlackBerry, damals führend in Unternehmen, weil man ihn “gut” absichern konnte. Dann das erste iPhone, und weitere folgten, nicht nur von Apple. Andere gingen.
Es dauerte nicht lange, und die erste Welle der Digitalisierung in Unternehmen war vorbei. Es folgten Digitalisierung 2.0, 3.0, 4.0. Boris war längst drin, und irgendwann war das auch für die Kanzlerin kein „Neuland” mehr.
Seit Jahren verfolgen wir ein regelrechtes Buzzword-Bingo, ein Hype folgt dem nächsten, getriggert mit psychologischen Tricks aus der Verkaufsmaschinerie. FOMO. Schnell noch dabei sein.
Und jetzt? Das Gleiche.
Es wird immer mit Ängsten gespielt
Ja, die Welt wird komplexer, und es wird immer mit Ängsten gespielt. Wenn Du jetzt nicht handelst, bist Du nicht dabei, hast Du den Zug verpasst. Wenn Du jetzt nicht handelst, wirst Du abgemahnt. Ängste und Sorgen begleiten uns, seit ich denken kann, und ich bin mir sicher, es reicht viel weiter zurück. Jamba-Spar-Abo, Dialer, 0190, DSGVO, NIS2, Claude oder doch OpenAI, ist es Grok oder DeepSeek, vielleicht doch Kimi K3?
Wir machen uns Sorgen. Sorgen, ob wir den Anschluss verpassen. Oder wir warten mit der Entscheidung, weil wir die richtige treffen wollen und nicht die falsche.
Hinter jedem Risiko steckt mindestens auch eine Chance. Das war uns bei der Gründung der Digitalen Helden immer wichtig, Menschen zu befähigen, damit sie die Chancen nutzen können, die Risiken dabei im Blick.
Keine Entscheidung ist Stillstand, und Stillstand ist der Tod. Lieber einen Schritt zurück als auf der Stelle treten. Nur ist das bei den Ängsten, die einem (perfide) suggeriert werden, nicht leicht, und in unbekanntem, unsicherem Terrain schon gar nicht.
Wonach ich mich richte
Selten stellt sich die Frage, worum es eigentlich geht, und noch viel wichtiger, wozu. Und wenn sie gestellt wird, verlieren wir sie zu schnell wieder aus den Augen.
Sie ist der Nordstern, der immer wieder angepeilt werden muss, wie bei den früheren Seefahrern. Verlierst Du ihn zu lange aus dem Blick, führt Dich das weg von Deinem Ziel. Das kann auch schön sein. Aber war es gewollt?
Ich kenne Digitalisierung von klein auf. Ich bin mit ihr groß geworden, nicht in sie hineingeboren. Habe Computer aus Neugier selbst zusammengebaut, im Handwerk unter anderem Glasfaserkabel verlegt und mir mit Programmierung mein Informatikstudium finanziert. Ich habe die Digitalisierung wortwörtlich begriffen.
Auch wenn dieser Bereich mittlerweile so riesig geworden ist, dass es für alles Spezialisten braucht (früher nur für den Mainframe 😂), glaube ich, es fehlt der Gesellschaft an einer grundlegenden Digitalkompetenz. Der D21-Digital-Index misst genau das. 49 Prozent der Menschen in Deutschland verfügen über grundlegende digitale Kompetenzen, und dieser Wert steht seit zwei Jahren still. Die EU peilt für 2030 achtzig Prozent an. Und darin eingeschlossen sehe ich ein handlungsbewusstes Grundverständnis von IT-Sicherheit, und seit Kurzem auch im Umgang mit KI.
Ich bin überzeugt davon, dass ein Grundverständnis, egal in welcher Disziplin, nicht nur von Vorteil, sondern unabdingbar ist, um gute Entscheidungen zu treffen.
Das Thema ist komplex, nicht kompliziert. Kompliziert wird es dann, wenn die Teilprobleme nicht klein genug betrachtet wurden. Dafür braucht es Generalisten, keine Spezialisten. Die braucht es an anderer Stelle. Über den Tellerrand schauen, die Einflussfaktoren berücksichtigen. Ein Tool einzuführen, ohne die Menschen, die Daten und den Verantwortungsraum (den Kontext, in dem Du Verantwortung hältst, beruflich wie privat) mitzudenken, wäre dumm. (Warum komplex und kompliziert nicht dasselbe sind, habe ich hier ausführlicher aufgeschrieben.)
Und wie machen wir das jetzt?
Ich betrachte Digitalisierung als Oberthema mit all ihren Facetten (siehe DigInt-Modell). Nimm zwei davon heraus, die gerade Relevanz haben oder um die viel Unsicherheit existiert, KI und IT-Sicherheit. Dann steht immer zuerst die Frage nach dem Wozu. Setz gerne ein, was bei Dir stattdessen drückt, die Mechanik bleibt dieselbe. Wohin wollen wir, was wollen wir erreichen, verbessern, verändern?
Es braucht ein Bewusstsein über den Ist-Stand, über den Stand der Möglichkeiten und über den Verantwortungsraum, und dann wird geplant und umgesetzt zugleich (Buzzword-Bingo: „agil” eben).
Im Wie schauen wir zuerst auf die Datenlage. Wie ist die Qualität unserer Daten? Wenn die Scheiße ist, müssen wir damit anfangen. Dann die Prozesse. Wenn wir sie kennen. Sonst müssen wir sie analysieren, mit Menschen sprechen und sie verstehen. Denn nur was verstanden ist, kann optimiert, digitalisiert, automatisiert oder an eine KI abgegeben werden. Auch deren Ergebnis müssen wir bewerten, und dafür müssen wir es vorher verstanden haben.
Nicht jeder Prozess gehört an eine KI abgegeben. Oftmals reicht es, ihn tief durchdrungen zu haben und ihn klassisch zu digitalisieren oder teilweise zu automatisieren. Das ist verlässlicher und kostengünstiger.
Durchkommen ist alles
Schauen wir auf einen Aufschrei, den viele noch nicht wirklich verdaut haben, die Einführung der DSGVO.
Eigentlich wollte der Gesetzgeber uns Menschen schützen und die großen „Datenkraken” zur Datensparsamkeit zwingen (in der DSGVO heißt sie Datenminimierung). Die Arbeit hatten dann die vielen kleinen Unternehmen, und gerade dort sind heute noch viele nicht gut aufgestellt. Die NIS2-Richtlinie macht es besser, sie setzt höher an und hält viele Kleine über Größenschwellen heraus. Nicht alle: Wer kritische Anlagen betreibt oder Telekommunikation, Vertrauensdienste und DNS anbietet, ist unabhängig von der Größe drin, und über die Lieferkette landen die Anforderungen auch beim kleinen Zulieferer. In Deutschland gilt sie seit dem 6. Dezember 2025 über das neue BSIG.
Der Sinn dahinter ist für alle relevant. Datensparsamkeit, Datensicherheit, Datenkompetenz und Verantwortlichkeit sind unabdingbar. Datenschutz wird von Anfang an mitgebaut und ist in der Voreinstellung schon an, statt später zugeschaltet zu werden (privacy by design und privacy by default). Mit diesen beiden Begriffen bekommst Du beim Dienstleister genau das, was Du meinst.
Für viele ist es ein notwendiges Übel. Weil es sie nicht interessiert, weil es gemacht werden muss, weil es nicht verstanden wurde.
Wie war es in der Schule, wenn wir etwas nicht verstanden haben? Entweder haben wir uns dafür interessiert und es uns drauf geschafft, oder wir haben nur das Nötigste getan. Die 4 ist die 1 des kleinen Mannes, der kleinen Frau. Durchkommen ist alles. Haken hinter, abheften.
Bei Digitalisierung, beim Grundverständnis von KI, bei der IT-Sicherheit ist mein Gefühl, dass es vielen ähnlich geht. Nur das Nötigste. Gerade so.
Gerade gut ist eben gut genug. Oder doch nicht? Wo ist Exzellenz, wo ist der Unternehmer:innengeist?
Warum das passiert
Das ist keine Faulheit. Das ist eine Stufe.
Am Anfang steht die unbewusste Inkompetenz. Wir wissen nicht, was wir nicht wissen, und es stört uns auch nicht. Erst wenn ein Gefühl aufkommt, hier müssen wir etwas ändern (das kann auch von außen auferlegt sein), erwächst daraus bewusste Inkompetenz. Uii, das kann ich noch nicht, das kenne ich nicht.
Hier entscheidet sich, ob ich den Kopf in den Sand stecke oder das Interesse zeige und es mir drauf schaffe. Habe ich das getan, habe ich bewusste Kompetenz erlangt. Und dann macht Übung die Meisterin, den Meister. Gong Fu (Kung Fu) bedeutet, Fertigkeit durch harte Arbeit zu erlangen. So entsteht aus bewusster Kompetenz das Können. Unbewusste Kompetenz. Vom Kennen ins Können.
Der Weg dahin geht übrigens erst einmal abwärts, in die Tiefe, ins Reinknien. Wer diesen Teil überspringt, bleibt oftmals beim Kennen stehen, und im Ernstfall trägt das dann nicht.
Denn eine Kompetenz, die nicht eingesetzt wird, ist nutzlos und gerät ins Vergessen. Neuronale Verbindungen, die nicht genutzt werden, schwächen ab. Die DSGVO (… die IT-Sicherheit, die KI-Kompetenz, die Digitalkompetenz) schlummert in der Schublade, im Aktenschrank.
Ein Beispiel von vielen
Nehmen wir einen kleinen Betrieb, zwölf Leute. 2018 kam die DSGVO, ein Dienstleister hat einen Ordner gebracht, der steht seitdem im Regal. Haken hinter.
Dann ruft ein ehemaliger Kunde an und möchte wissen, welche Daten über ihn gespeichert sind. Er hat das Recht dazu, und Du hast dafür einen Monat Zeit. Und jetzt? Wer weiß, wo diese Daten überhaupt liegen? Im Angebotsprogramm, im Mailpostfach, in der Buchhaltung, auf dem Handy vom Kollegen, der die Termine macht. Wer darf sie löschen, und wer merkt, dass sie an einer fünften Stelle noch einmal liegen? Wer hat den Vertrag mit dem Cloud-Anbieter gelesen, der sie verarbeitet? Und jetzt merken wir, ob es verstanden war oder nur abgeheftet.
Setz Schule ein, Verein, Praxis oder den Haushalt mit zwei Erwachsenen und drei Geräten, die Fragen bleiben dieselben.
Wäre es verstanden gewesen, hätte der Anruf zehn Minuten gedauert. Dann wüsste jemand, wo die Daten liegen, wer sie löschen darf, welcher Dienstleister sie verarbeitet und was im Vertrag mit ihm steht. Dann gäbe es einen Weg für Auskünfte, eine Regel, was wann gelöscht wird und wer das tut (Löschkonzept), eine zuständige Person und eine zweite für den Fall, dass die erste im Urlaub ist. Und einen Termin, an dem wieder draufgeschaut wird, zum Beispiel darauf, was nach dem EU AI Act inzwischen gekennzeichnet werden muss. Die Mitarbeiter:innen wären regelmäßig durch Schulungen befähigt worden, nicht einmal zum Start.
Das ist kein Projekt mit Enddatum, das ist eine Schleife. Governance, Risk und Compliance, kurz GRC, heißt nichts anderes, als die Regeln zu kennen, die Risiken einzuschätzen und beides regelmäßig wieder anzuschauen. Und diese Schleife muss aufgesetzt sein, den Verantwortlichen bekannt und von ihnen genommen, dann erst wird sie umgesetzt.
Das ist vom Kennen ins Können. Das ist Transparenz, das ist Befähigung, das ist Verantwortungsübernahme.
Die Fachleute, mit denen Du arbeitest, haben das sicherlich schon auf dem Schirm. Und wenn Du selbst zu ihnen gehörst, hast Du damit die Worte, mit denen Du es der Leitung erklären kannst, ohne dass es nach Fachchinesisch klingt. So baust Du auch hier wieder eine Brücke und schließt eine Kommunikationslücke, und das gehört zum Weg in die digitale Souveränität.
Ob DSGVO, IT-Sicherheit oder KI-Compliance, es ist immer das Gleiche. Wozu, was, wie, und menschliche Befähigung mit anschließender Verantwortungsübernahme.
Wo stehst Du?
Selbstverständlich dürfen wir nicht in Perfektionswahn verfallen. Alles nur nach Vorschrift, dann ersticken wir Innovation. Mir geht es um Grundlegendes. Wir müssen Zusammenhänge verstehen, das große Ganze, den Kontext. Die Komplexität handhabbar machen und Teilprobleme lösen, aber eben mit einem Wohin und Wozu. Dafür leitet uns der Nordstern, auf dem Fundament unseres Wissens, unseres Könnens, unserer Erfahrung.
Nimm Dir einen Moment und geh die vier Stufen für das eine Feld durch, das Dir gerade im Kopf herumgeht (bei den einen ist das die KI, bei den anderen die Datensicherheit, bei manchen etwas ganz anderes). Diese vier Stufen heißen Kompetenztreppe, und der Name lohnt sich, weil Du im Team damit über etwas sprechen kannst, das sonst schnell nach Vorwurf klingt. Wo stehst Du gerade? Und wo steht jemand neben Dir auf einer anderen Stufe, im Team wie am Küchentisch?
Ich wünsche mir, bei all dem Hype um KI den Blick auf das Wesentliche nicht zu verlieren. Und ich bin mir sicher, nach KI treiben wir ein anderes Schwein durch das Dorf Internet.
Es geht nicht um KI, es geht nicht um das neue Tool. Es geht um das Wozu und Wohin als Gesellschaft, als Unternehmenszweck, als persönlicher Zweck. Was muss ich tun, was müssen wir tun, um das Ziel zu erreichen? Meine persönliche Überzeugung ist, dass wir das schaffen, wie viele andere gesellschaftliche Probleme auch, nur gemeinsam.
Immer wieder mal kurz innehalten und von der Meta-Ebene auf unser Vorhaben blicken. Von dort stellt sich oftmals ein besserer Gedanke ein, sei es beim kurzen bewussten Atmen, unter der Dusche oder bei einem Spaziergang in komplexen Zeiten.
Diesen Satz musste ich mir selbst sagen lassen: „Ich habe keine Zeit, den Zaun zu reparieren, ich muss die Hühner einfangen.”
Lieber digital integriert als digital isoliert. Haltung führt, Verhalten folgt.
KI-Transparenz nach Art. 50 EU AI Act: Dieser Beitrag entstand mit KI-Unterstützung. Auswahl, Prüfung und Verantwortung: Jörg Schüler.